Über der Offseason der Ravens stehen für mich drei Überschriften:
- Das Ende der Harbaugh-Ära
- Tyler Linderbaum und Baltimores Zukunft auf Center
- Der (nicht) Trade für Maxx Crosby
Diese drei Themen und was sonst noch so in Baltimore, Maryland passiert ist, möchte ich einmal zusammenfassen und durchleuchten.
Free Agency & Trades
Zugänge:
- EDGE – Trey Hendrickson <- Bengals
- G – John Simpson <- Jets
- S – Jaylinn Hawkins <- Patriots
- TE – Durham Smythe <- Bears
- C – Ethan Pocic <- Browns
- C – Danny Pinter <- Colts
- WR – Chris Moore <- Commanders
- T – Kendall Lamm <- Dolphins
- T – Hakeem Adeniji <- Cowboys
- G – Jovaughn Gwyn <- Falcons
- DL – Calais Campbell <- Cardinals
- QB – Skylar Thompson <- Steelers
Abgänge (Auswahl):
- C – Tyler Linderbaum -> Las Vegas Raiders
- TE – Isaiah Likely -> New York Giants
- TE – Charlie Kolar -> Los Angeles Chargers
- FB – Patrick Ricard -> New York Giants
- P – Jordan Stout -> New York Giants
- S – Alohi Gilman -> Kansas City Chiefs
- S – Ar’Darius Washington -> New York Giants
- EDGE – Dre’Mont Jones -> New England Patriots
- OL – Daniel Faalele -> New York Giants
NFL Draft 2026
- Runde 1 Pick 14: G Vega Ioane, Penn State
- Runde 2 Pick 45: EDGE Zion Young, Missouri
- Runde 3 Pick 80: WR Ja’Kobi Lane, USC
- Runde 4 Pick 115: WR Elijah Sarratt, Indiana
- Runde 4 Pick 133: TE Matt Hibner, SMU
- Runde 5 Pick 162: CB Chandler Rivers, Duke
- Runde 5 Pick 173: TE Josh Cuevas, Alabama
- Runde 5 Pick 174: RB Adam Randall, Clemson
- Runde 6 Pick 211: P Ryan Eckley, Michigan State
- Runde 7 Pick 250: DE Rayshaun Benny, Michigan
- Runde 7 Pick 253: G Evan Beerntsen, Northwestern
Das Ende der Harbaugh-Ära
Wenn man, gerade als Steelers Fan, einen aktuellen Head Coach nennen müsste, der lange Zeit mit ein und demselben Team gearbeitet hat, kann die Antwort nur Mike Tomlin heißen. Dabei vergessen viele, dass John Harbaugh in Baltimore nur ein Jahr nach Tomlin übernommen hat und das Team, die Spieler, den Staff und die Kultur entsprechend lange geprägt hat. Die Ravens stehen daher vor einem Umbruch, der nicht weniger groß ist als der in Pittsburgh. Mit ihm verließen OC Todd Monken (jetzt Head Coach bei den Browns), DC Zach Orr (jetzt LB Coach bei den Seahawks) und Special Teams Coordinator Chris Horton (jetzt Ass. HC und STC bei den Giants) das Team. Das ist das erste Mal seit ihrem Gründungsjahr 1996, dass auf einen Schlag alle Koordinatoren das Team verlassen.
Der neue Staff ist auffällig jung und unerfahren. Head Coach Jesse Minter (42) übernimmt diese Rolle mit nur zwei Jahren Erfahrung als Play Caller zum ersten Mal in seiner Karriere. Weaver (45) ist als DC und Unterstützung des defensiv ausgerichteten Minter mit drei Play-Caller-Jahren nicht unbedingt erfahrener. Um die Offense wird sich in dieser Saison Declan Doyle kümmern, der mit 29 Jahren genauso alt ist wie Lamar Jackson und mit null Jahren auch genau so viel Play Calling Erfahrung hat wie dieser.
Für ein Team, das sich für die Zukunft neu aufstellen möchte, sind diese Personalentscheidungen risikoreich aber nicht unklug. Doch sind die Ravens überhaupt in der Position, sich so radikal neu aufstellen zu können? Floppt das Coaching-Experiment, hat man vielleicht den letzten Super-Bowl-Shot mit Lamar Jackson aufs Spiel gesetzt.
Schematisch wird sich mit dem Quartett auf jeden Fall einiges ändern. Minter kommt aus einem eher konservativen Coaching Tree. Auf Zwang ausgespielte 4th Downs und 2 Point Conversions wie unter Harbaugh wird es mit ihm also nicht geben. Defensiv setzt er dagegen auf viel Rotation und Disguise. Das starke Safety Corps um Hamilton, Starks und Hawkins kommt ihm hier entgegen und der Pass Rush wird mit Trey Hendrickson eher nicht schlechter werden. Doch dazu weiter unten mehr.
Doyle beschreibt die von ihm geplante Offense als “physisch, detailliert und explosiv”. Starke Worte mit wenig Inhalt. Was das ganze auf dem Feld bedeutet, werden wir aber wohl erst in Woche 1 sehen.
Tyler Linderbaum und Baltimores Zukunft auf Center
Wenn es in den letzten Jahren eine Position gab, auf der man sich in Baltimore keine Sorgen machen musste, dann war das Center. Linderbaum hat sich in seinen Rookie-Jahren zu einem der besten Run Blocking Center der Liga entwickelt und war für das stark Lauffokussierte Team damit ein absoluter Schlüsselspieler. Natürlich versuchte man, ihn langfristig an das Team zu binden. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, die Ravens selbst sprachen jedoch von einem “market-setting offer”. Die Raiders konnten dieses Angebot allerdings noch einmal toppen, boten 81 Mio. $ über drei Jahre und machten ihn so zum bestbezahlten Interior Lineman der Ligageschichte.
Das Loch, das er in der Line hinterließ, war entsprechend groß und die Ravens taten sich schwer, für adäquaten Ersatz zu sorgen. In der Free Agency holte man sich zwei Center. Danny Pinter ging als Favorit ins Renne gegen Ethan Pocic der von den Browns kam., da dieser von einem Achillessehnenriss zurück kommt. Allerdings endete die Saison von Pinter bereits am 20. August, da er sich die Patellasehne gerissen hat.
Der (nicht) Trade für Maxx Crosby
Der Passrush der Ravens war 2025 erstaunlich zahnlos. Nur 30 Sacks konnte man als Team verbuchen und nicht einmal die Hälfte davon erzielten die Edge Rusher. Baltimore erkannte das als ein Hauptproblem, das es in der Offseason zu beheben galt und griff dafür tief in die Tasche. Zwei First Round Picks (2026 + 2027) legte man auf den Tisch, um Edge Rusher Maxx Crosby von den Raiders nach Maryland zu lotsen. Lang sollte der allerdings nicht in Baltimore verbleiben. Kurz nach dem Treffen mit dem Team erklärte Baltimore den Trade für nichtig. Offizieller Grund: Ein nicht bestandener Gesundheitscheck. Regeltechnisch sind die Ravens damit auf sicherem Boden, mit der spontanen Absage brachen sie aber nicht nur ein Gentlemen’s Agreement, denn die Ravens wussten von den Knieproblemen Crosbys weit vor den Verhandlungen mit den Raiders und brachten Team und Spieler so in eine schlechte Position rund um weitere Vertragsverhandlungen. Dass mit Start der Free Agency der Preis für Trey Hendrickson nach und nach fiel, für die Ravens plötzlich attraktiver wurde und es hier nicht einmal 24 Stunden nach der Crosby-Absage zu einem Vertragsschluss kam, hilft der Glaubwürdigkeit der offiziellen Aussage nur wenig.
Was ist sonst noch passiert
Mit Zay Flowers konnte man einen der Leistungsträger der Offense langfristig an das Team binden. Der Wide Receiver unterschrieb vor dem Camp einen neuen Vertrag über 4 Jahre und 140 Mio $.
Cornerback Nate Wiggins verletzte sich während des Camps und musste vom Platz gekarrt werden. Vermutlich handelt es sich nicht um einen strukturellen Schaden, das Preseason Spiel gegen die Eagles verpasste er allerdings.
Fazit:
Trotz generell guter Kritik am Draft der Ravens war es für die meisten überraschend, dass man die Lücke hinter Lindenbaum unadressiert ließ. Mit Vega Ioane schnappten sie sich zwar den vermutlich besten Interior Lineman im Draft, Center wird Ioane aber nicht spielen können. Dafür bekommt Pocic mit ihm einen starken Nebenmann, der ihn entsprechend unterstützen kann. Mit Young ging man zusätzlich die Baustelle Pass Rush an, die man mit Hendrickson anscheinend noch nicht geschlossen genug sieht. Die nächsten drei Picks gingen ins Passspiel. Hibner stellt dabei vermutlich den Ersatz für den abgewanderten Isaiah Likely.
Saison-Ausblick 2026:
Viel hat sich verändert, doch der Kern des Teams ist intakt: Lamar Jackson, Derrick Henry, Zay Flowers, Mark Andrews, Roquan Smith und Kyle Hamilton sind eine Basis, um die sich das Team weiterhin aufbauen kann. Das gibt einen hohen Floor und wenig Fallhöhe. Die Buchmacher belohnen das mit guten Prognosen für die Saison. Die Ravens stehen vor Bengals und Steelers auf Platz 1 in den Quoten um den Division-Sieg. Der junge Coaching Staff ist dabei Risiko und Chance zugleich. Mit frischem Wind und neuem System kann es richtig nach vorne gehen, gleich zwei unerfahrene Play Caller bieten aber auch genug Angriffsfläche für Fehlentscheidungen. Realistisch betrachtet sollten die Ravens irgendwo zwischen 10 und 12 Siegen die Saison abschließen können, wenn es keine unerwarteten Rückschläge gibt.




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