Ein paar unbequeme Fragen

written by Tobias Neumann
11 · 05 · 22

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Dass diese Saison nicht in dem Maße erfolgreich ist, wie es viele vor Saisonbeginn erwarteten, ist recht offensichtlich. Glaubt man den Weiten des Online-Journalismus, ist der Fehler auch schnell gefunden: Schlechtes Personal in der Secondary, die T.J. Verletzung und vor allem Matt Canada. Klar ist es einfach, die offensichtlichen Ursachen wieder und wieder heranzuziehen. Doch was, wenn es noch andere Ursachen gibt? Was, wenn T.J. nach der Bye Week zurückkommt und der Pass Rush immer noch nicht funktioniert? Was, wenn wir spätestens zur Offseason einen neuen Offensive Coordinator bekommen und sich nichts ändert? Vielleicht muss man doch noch die ein oder andere Personalie überdenken, die man bisher bei all der Kritik gerne links liegen ließ. Vielleicht muss man auch einmal die unbequemen Fragen stellen. Ich habe mir daher das Team aus 3 Blickwinkeln – Spieler, Coaches und Management – angeschaut und versucht, Ursachen vor allem dort zu finden, wo man sie lieber nicht sucht.

Ein kurzer Disclaimer noch vorab. In diesem Artikel beschäftige ich mich bewusst mit der Fehlersuche im Team. Entsprechend negativ wird und soll die Kritik ausfallen, auch wenn es Aspekte gibt, die gut funktionieren. Ich möchte bewusst kein ausgeglichenes Gesamtbild des Teams herausarbeiten. Ich möchte Probleme aufdecken, analysieren und dabei vielleicht das ein oder andere “Tabuthema” angehen und uns nicht selbst für das gute Gefühl auf die Schulter klopfen.

Die Offense bringt es pro Game auf 15 Punkte (Platz 32) und pro Spielzug auf 4,7 Yards (Platz 32) sowie auf -0,07 EPA (Platz 31). 27,3% unserer Drives enden in einem Score (Platz 31). Wir sehen diese Saison also nicht nur eine der schlechtesten, sondern tatsächlich DIE schlechteste Offense der Liga. Das alles jetzt auf den Coordinator und Rookiefehler unseres Quarterbacks zu schieben ist natürlich die einfache Alternative. Vielleicht gibt es unter der Oberfläche aber eben doch noch andere Ursachen, die neben den offensichtlichen nur kaum auffallen. Pickett selbst möchte ich an diesem Punkt ohnehin erst einmal ausklammern. Er hat als Rookie Quarterback nur 4 Games auf dem Kerbholz. Ein Urteil kann und will ich mir an diesem Punkt einfach noch nicht erlauben.

Ein anderes Thema ist aber z.B. die Situation im Runningback Room. Der Konsens, so wie ich ihn wahrnehme, ist, dass Najee Harris zwar aufgrund seiner Position der falsche Pick für die erste Runde war, individuell aber eine gute Leistung bringt bzw. viel aufgrund schlechter Leistungen der Offensive Line und durch schlechtes Playcalling zurückstecken muss. Das würde ich für die letzte Saison auch noch unterschreiben. Doch gilt dieser Tenor auch für 2022? Najee macht im Schnitt pro Run 3,3 Yards. Das ist der niedrigste Wert unter den Starting Runningbacks der Liga. Die Line ist im Run Game allerdings nicht schlecht. 2,8 Yards geben die fünf unseren Running Backs vor Kontakt. Damit liegt man im Liga-Mittelfeld. Besonders dramatisch erscheint dies, wenn man im Vergleich dazu die Zahlen von Jaylen Warren sieht. Der undrafted Rookie bringt es nämlich auf satte 5,3 Yards pro Play. Die Yards after Contact sind bei beiden übrigens fast identisch (Harris: 1,3 / Warren: 1,4). Die Vermutung liegt nah, dass Warren eher die Runs bei langen 3rd Downs bekommt, wo der Gegner ohnehin tief verteidigt. Dem ist aber nicht so. Die Steelers sind überhaupt nur einmal diese Saison bei einem dritten Versuch mit ihren Runningbacks gelaufen (ein Run von Najee bei 10 Yards to go für 1 Yard Raumgewinn). 4th Downs wurden immer geworfen oder per QB Sneak geholt. Im Grunde kommen also alle Runs für beide Backs bei den Early Downs (1. und 2. Versuch). Harris hat dabei im Durchschnitt 8,51 Yards zu überbrücken, Warren 8,31. Absolut vergleichbar also. Woher kommen dann diese 2 Yards Unterschied pro Run? Beide haben dieselbe O-Line zur Verfügung, ein Unterschied im Blocking kann es daher nicht sein. Sieht Jaylen vielleicht Lücken, die Najee nicht sieht? Kann er Kontakt besser vermeiden? Nutzen wir Najee vielleicht auch einfach nicht richtig und unser Run Scheme ist für seinen Laufstil einfach ungeeignet? Nicht zuletzt wird die gegnerische Defense Najee als “größere Gefahr” vermutlich auch stärker verteidigen, ja. Aber meint ihr, das tun sie für einen Derrick Henry nicht? Oder für einen Saquon Barkley, einen Nick Chubb? Die bringen nämlich die Ergebnisse, zu denen unser First Round Pick eben nicht in der Lage ist. 

Einen anderen, eher subjektiven Blickwinkel auf das Thema gibt es übrigens im letzten Artikel auf dieser Homepage. https://www.pittsburghsteelers.de/state-of-the-steelers-run-game/

Im Vergleich zu Najee stehen die Special Teams kaum im Rampenlicht. Besonders eine Personalie interessiert mich hier aber. Ich erinnere mich nämlich noch recht gut an den vorletzten Draft, als wir gegen Ende des dritten Tages alle übermüdet im Voice Chat des EV Discord saßen und plötzlich dieser recht überproportionierte Punter zu uns gehen sollte. Der Hype um Pressley Harvin III war zunächst recht groß. Nicht ohne Grund hängt sein Jersey in meinem Kleiderschrank. Er zeigt auch Woche für Woche bei einzelnen Plays seine Qualitäten. Was bei ihm aber völlig fehlt, ist die Konstanz. Im Schnitt kommt er mit 44,5 Yards pro Punt auf Platz 27. An der Stelle möchte ich allerdings kurz anmerken, dass Statistiken für Punter immer mit Vorsicht zu genießen sind. Ein kurzer Punt kann auch einfach deshalb kurz sein, weil 2 Yards weiter die Endzone liegt. Nicht zuletzt hängen diese Zahlen daher auch von der Leistung der Offense und der Entscheidung des Trainers ab, wo der Punter den Ball platzieren soll. Das schlechte Bauchgefühl beim Gameday bleibt ihm gegenüber aber. Zu viele Bälle werden nur kurz hinter der Mittellinie vom Returner gefangen. Zu viele Bälle landen weit im Aus und hätten noch 10-20 Yards Luft gehabt. Er ist, wie gesagt, in der Lage zu diesen Plays. Wird er dabei nicht konstanter, sollte man aber doch darüber nachdenken, ob eine Lösung mit höherer Grundleistung vielleicht auf lange Sicht besser für das Team geeignet ist.

Überraschenderweise müssen wir uns diese Saison zusätzlich noch mit dem Thema Pass Rush beschäftigen. Eigentlich waren die Front Five der Steelers immer die Paradetruppe des Teams. Das Defensive Konzept baut komplett auf dem Druck Richtung Quarterback auf. Knapp 25% unseres gesamten Salary Caps gehen für unsere Starter an der Line über den Tisch. 20%  dabei allein für T.J. Watt und Cam Heyward. Seit T.J. auf der Injured Reserve Liste sitzt, fiel eben diese Premium Position aber völlig in die Bedeutungslosigkeit. Bei gerade einmal 14% der Snaps machen wir Druck auf den Quarterback. Das ist der drittschlechteste Wert der Liga. Und da ist Woche 1 gegen die Bengals, als T.J. noch fit war, schon mit eingerechnet. Es scheint also, dass unser Glanzstück viel mehr eine überragende individuelle, statt eine Teamleistung ist. Highsmith hat verhältnismäßig viele Sacks, diese hängen aber auch immer stark von anderen Faktoren und, nicht zuletzt, dem Glück ab, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Schaut man stattdessen z.B. auf die Pass Rush Win Rate (Also der Quote, wie oft ein Rusher in der Lage ist, sein Duell gegen den O-Lineman zu gewinnen), ergibt sich schnell ein anderes Bild: Heyward liegt mit 16,2% auf Platz 31,  Highsmith mit 9,8% auf Platz 86 der Liga. Nach total Pressures liegt man immerhin noch auf den Plätzen 24 (Highsmith / 26 Pressures) und 48 (Heyward / 21 Pressures). Highsmith spielt noch günstig unter seinem Rookie-Vertrag. Der Gedanke an die Leistung Heywards in Bezug auf sein Gehalt gefällt mir allerdings nicht. Cam hat sicher einen nicht geringen Wert für das Team, der sich unmöglich mit Zahlen ausdrücken lässt. Ob dieser allerdings groß genug ist, um diese Differenz aufzuwiegen, ist die eigentliche Frage, die man sich an dem Punkt stellen sollte.

Vielleicht ist dies aber auch gar kein Problem der individuellen Leistung der Spieler. Wenn  von 11 Spielern einer wegbricht und das gesamte defensive Konzept implodiert, ist eventuell auch einfach das Scheme von Austin – und nicht zuletzt von Tomlin – ungeeignet, um mit nur durchschnittlich qualitativem Material zu funktionieren. Die Steelers Defense blitzt verhältnismäßig oft, schafft es dann aber nicht, Druck zu erzeugen. Man opfert also einen Spieler in der Coverage und lässt dem Quarterback trotzdem überdurchschnittlich viel Zeit, die nun noch größeren Lücken im Backfield zu attackieren. Es hat den Anschein, als ruhe man sich auf dem Rücken von Watt und Fitzpatrick aus, die Woche für Woche mit Big Plays und nichts als individueller Höchstleistung den Karren für uns aus dem Dreck ziehen sollen, statt dem Rest des Teams mit dem System zu helfen produktiv zu sein.

Eine andere Position, an die man nicht denkt, wenn es um Schwachstellen in Pittsburgh geht, ist Wide Receiver. Gilt Pittsburgh doch als die Stätte, wo man noch an Tag 3 des Drafts die Juwelen aus dem Restepool der Colleges zieht. Und bevor jetzt alle aus ihren Sesseln hüpfen und zu Mistgabeln und Fackeln greifen: Nein, ich meine damit nicht, dass unser Front Office nicht dazu in der Lage ist, Wide Receiver zu draften. Man hat seit Jahren keinen Passempfänger mehr nach Pittsburgh gelotst, der sich im Nachhinein als Bust herausgestellt hat. Auf der anderen Seite ist es aber seit Antonio Brown auch nicht mehr gelungen, einen Receiver zu draften, der sich gut genug entwickelt hat, um als Nr. 1 aufzutreten und die Leistung der Offense allein signifikant zu steigern. Unsere Wideouts funktionieren nur über das Kollektiv, nicht individuell. Claypool fand generell nie zu seiner Höchstleistung, bis er zu den Bears getradet wurde. Juju funktionierte nicht ohne AB, DJ nicht ohne Juju. Zumindest nicht in dem Maße, wie ich es von einem Receiver, den man in der zweiten Runde als Steal bezeichnet, erwarten würde. Ist das Front Office vielleicht doch nicht so gut, wie man es gerne darstellt? Oder versagen die dafür zuständigen Coaches bei der Entwicklung der Spieler? Vielleicht ist ja doch mehr daran, als wir alle wahrhaben wollen, wenn ehemalige Spieler behaupten, sie würden bei anderen Teams deutlich mehr in deutlich weniger Zeit über offensiven Football lernen als bei uns.

Zuletzt möchte ich gerne noch einen Abstecher in das Management unter Omar Khan machen. Dies ist der wohl am schwersten zu beurteilende Teil des Teams. Der Großteil der Arbeit findet eben hinter verschlossenen Türen statt. Ich kann ihn daher auch nur an den Punkten bewerten, die für mich einsehbar sind. Das sind eben zum Großteil die Spielerverträge. Ich gehe an dem Punkt auch davon aus, dass die ungewöhnlich aktive Offseason bereits aus der Feder Khans stammt und nur beratend von Colbert mitgestaltet wurde. Nach 8 Spielen in dieser Saison kann man dann zumindest ein Zwischenfazit ziehen.

Man war ja nicht ohne Grund vor Saisonbeginn so aktiv. Holte Verstärkung für O- und D- Line, Quarterback, Linebacker und Cornerback. Griff im Draft früh nach einem weiteren Signal Caller und Receiver. Und wofür? Letzte Saison standen wir nach 8 Wochen bei 5-3. Diese bei 2-6. Der viel gescholtene Offensive Coordinator ist derselbe wie zuvor. Der Grund für den Leistungsabfall kann also nicht er allein sein. Sitzt vielleicht doch das falsche Personal im falschen Stuhl? Sind die gelobten Roster Moves vielleicht doch nicht viel mehr als heiße Luft? Khan war immerhin auch derjenige, der einen dritten Quarterback per Draftpick zum Team holte, um ihn im Camp erst dann einzusetzen, als das Roster ohnehin schon fest stand. Eine Entscheidung, die ich, auch wenn es “nur” ein Siebtrundenpick war, im besten Fall noch als merkwürdig bezeichnen würde.

Im Endeffekt wird vermutlich nicht jeder dieser Punkte zutreffen. Vielleicht auch keiner. Zu groß sind die Variablen dabei, zu groß die Hürde für uns als Außenstehende Einblick zu nehmen. Die Steelers werden die größten Symptome – das Offensive Scheme, den dafür zuständigen Coordinator sowie das Defensive Backfield, vielleicht auch Offensive Tackle – früher oder später adressieren. Die letzte Frage dieses Artikels, die ich stellen möchte, ist daher, was hiervon bleibt. Über wie viel Inhalt dieses Artikels müssen wir uns noch unterhalten, wenn der offensichtliche Teil der Probleme behoben ist?

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