Das Karriereende von Stephon Tuitt – Ursache und Auswirkung einer Entscheidung

written by Daniel Stahl
6 · 04 · 22

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PER SOURCES – eine Kolumne von Daniel Stahl

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   03.06.2022

Am 01.06.2022 verkündete Stephon Tuitt die Entscheidung, seine Footballkarriere zu beenden.

Doch wie kam es zu der Entscheidung eines Starting Defensive Ends, nach acht Jahren in der NFL und im Alter von 29 Jahren? Wir werfen einen Blick zurück auf die Karriere von Stephon Tuitt, versuchen seine Entscheidung nachzuvollziehen und betrachten die Auswirkungen für die Pittsburgh Steelers. 

Stephon Tuitt, geboren am 23.05.1993, besucht die Monroe Area High School im Bundesstaat Georgia. Sein großes Talent zeigte sich bereits auf High School-Niveau und er wurde nach seinem Senior Jahr als Five-Star-Recruit eingestuft. Als Five-Star-Recruit bezeichnet man die absoluten TOP-Spieler des High School-Jahrgangs, der zu einem Wechsel auf ein College berechtigt ist. Es ist ein wichtiger Indikator für den Recruiting Process neuer Talente. Entsprechend hatte Tuitt viele Angebote renommierter Colleges, wie bspw. Georgia Tech oder Georgia, vorliegen, entschied sich aber letztendlich für die University of Notre Dame um hier für die Fighting Irish zu spielen.

Bereits als Freshman, in der Saison 2011, absolvierte Stephon neun Spiele für Notre Dame und startete sogar dreimal. Ihm gelangen dabei 30 kombinierte Tackles und neun Sacks.
In den beiden folgenden Saisons 2012 und 2013 war er bereits als Starter etabliert, absolvierte jeweils 13 Spiele und steigerte seine Statistiken auf 47 kombinierte Tackles und 12 Sacks (2012) sowie 49 kombinierte Tackles und 7,5 Sacks (2013). Diese Leistungen brachten ihm viele individuelle Ehrungen ein, darunter die Berufung ins First Team All-American 2013.
Im Januar 2014 entschied sich Tuitt, auf ein weiteres Jahr am College zu verzichten und sich stattdessen für den Draft anzumelden.

Von vielen Experten wurde Stephon Tuitt als Erst- oder Zweitrundenpick eingestuft. Er bekam eine Einladung zur NFL Scouting Combine, bei der sich die besten Talente eines Draft-Jahrgangs den NFL-Teams präsentieren können. Aufgrund einer Fußverletzung konnte er jedoch lediglich am Bankdrücken teilnehmen. Bei Notre Dames Pro Day performte Tuitt vor Vertretern aller 32 NFL-Teams bei dem zwei Head Coaches anwesend waren. Gus Bradley von den Jaguars und Mike Tomlin, der extra angereist war um sich speziell mit Tuitt zu treffen.

In der zweiten Runde des 2014 NFL Draft an 46. Stelle schlugen die Steelers zu und verpflichteten Stephon Tuitt. In seinem Rookie Jahr musste er sich mit Cam Heyward, Brett Keisel und Cam Thomas um einen der beiden Starting Jobs auf der Position des Defensive End messen. Zu Beginn der Saison wurde er zum Backup von Cam Heyward ernannt.
Bereits in seiner zweiten Saison 2015 erarbeitet sich Tuitt den zweiten Defensive End Starting Job, der nach dem Karriereende von Brett Keisel verwaist war. Ab diesem Zeitpunkt war Tuitt als Starter in der D-Line der Steelers gesetzt und eine wichtige Stütze des Teams sowohl auf als auch abseits des Feldes. Seine erste größere Verletzung ereilte ihn in der Saison 2019. Er riss sich einen Brustmuskel, was ihn dazu zwang, die Saison bereits nach Woche 6 zu beenden. Die Saison 2020 konnte Tuitt wieder mitwirken und knüpfte nahtlos an die starken Leistungen an, die er bereits vor seiner Verletzung regelmäßig ablieferte.

Am 02.06.2021 kam Richard Barlett III, der Bruder von Stephon Tuitt, bei einem Autounfall mit anschließender Fahrerflucht ums Leben. Dieser Schicksalsschlag traf Stephon sehr hart, da er ein Familienmensch mit einer extrem engen Bindung zu seinen Angehörigen ist. Nach dieser Tragödie war Tuitt nicht in der Lage in naher Zukunft auf das Footballfeld zurückzukehren und die Steelers setzten ihn am 01.09.2021 auf die Injured Reserve List. Die Saison 2021 setzte er komplett aus und die Steelers gaben ihm die Zeit den schrecklichen Verlust und die Trauer um seinen Bruder zu verarbeiten. Er verbrachte das Jahr damit seiner Mutter zur Seite zu stehen und seinen Abschluss an der University of Notre Dame nachzuholen.

Bis zuletzt Stand die Franchise und seine langjährigen Mitspieler mit ihm in Kontakt und es bestand immer die berechtigte Hoffnung, dass Tuitt zur Saison 2022 wieder zum Roster der Steelers gehören würde.
Wie wir mittlerweile wissen traf Stephon Tuitt für sich eine andere Entscheidung und verkündete diese am 01.06.2022 mit seinem Karriereende.

Total überraschend kommt diese Entscheidung von Stephon natürlich nicht. Auch wenn es für viele bis zuletzt eine 50-50 Entscheidung zu sein schien, so kann man davon ausgehen, dass das Front Office der Steelers schon etwas früher über die Tendenz involviert war. Ob das bereits zu Beginn der Free Agency oder zumindest vor dem Draft der Fall war, darüber kann nur spekuliert werden. Der Umstand, dass in der Free Agency die Position des Defensive End nicht, aber im diesjährigen Draft in Runde 3 adressiert wurde lässt allerdings Raum für eben solche Spekulationen.
Die offizielle Kommunikation am 01.06.2022 ist jedoch kein Zufall, sondern hat direkte Auswirkungen auf den Salary Cap. Wenn ein Spieler vor dem 01.06. eines Jahres entlassen wird oder seien Karriere beendet wirkt der komplett ausstehende Bonus als Dead Cap für die kommende Saison. Wenn es am oder nach dem 01.06. verkündet wird, dann wird nur der Bonus, der für die kommende Saison vereinbart wurde, auf den Cap angerechnet. Alle Boni aus den darauffolgenden Jahren, egal wie viele das noch sind, werden dann komplett als Dead Cap auf die folgende Saison angerechnet. Danach ist der Spieler aus den Büchern.

Konkretes Beispiel am Fall des aktuellen Vertrags von Stephon Tuitt:

2022 (letztes Vertragsjahr):
$9,048,560 Grundgehalt
$4,925,750 anteiliger Bonus
$13,975,750 Wirkung gegen den Salary Cap

Nach der Umstrukturierung seines Vertrags wurden für den anteiligen Bonus drei Void Years implementiert. Void Years sind Jahre in die man Auswirkungen auf den Salary Cap verschiebt um in den vorherigen Jahren mehr Flexibilität unter dem Salary Cap zu schaffen. Dadurch wirkt ein Betrag aus einem Vertrag mit einem Spieler gegen den Salary Cap der Zukunft, ohne dass der Spieler ggf. überhaupt noch für das Team aktiv ist.

2023-2025 (void years)
$0 Grundgehalt
$1,585,000 anteiliger Bonus (jedes Jahr 2023 bis 2025)
$4,755,000 Wirkung gegen den Salary Cap (durch das Karriereende am 01.06. komplett in 2023)

Hätte sich Tuitt also entschieden sein letztes Vertragsjahr bei den Steelers zu bestreiten, hätte er ein Grundgehalt von $9.048.560 plus $4.925.750 an anteiligem Bonus gegen den Salary Cap gehabt und die Steelers dafür einen sehr guten Defensive End.
Durch das Karriereende fällt erstmal das Grundgehalt gänzlich weg und spielt keine weitere Rolle mehr. Es sind nur noch die anteiligen Boni von Bedeutung.
Wäre das Karriereende nun vor dem 01.06.22 erfolgt, dann wären alle anstehenden anteiligen Boni des Vertrags im Jahr 2022 gegen dem Salary Cap gelaufen, also $4.925.750 aus 2022 plus die $4.755.000 für die Void Years 2023 bis 2025. Dafür wäre der Vertrag nach der Saison 2022 dann aus den Büchern gewesen. Dadurch, dass das Karriereende am 01.06. erfolgte wird auch nur der diesjährige anteilige Bonus in Höhe von $4.925.750 als Dead Cap angerechnet und die ausstehenden Boni von 2023 bis 2025 in Höhe von $4.755.000 gehen in Summe als Dead Cap mit in die Saison 2023.

Btw. hätte Tuitt die anstehende Saison gespielt, im Anschluss aber keinen neuen Vertrag erhalten, dann wären die ausstehenden Boni in Höhe von $4.755.000 für die Void Years 2023-2025 ebenfalls bereits als Dead Cap in 2023 fällig gewesen.

Die Steelers werden also für die Saisons 2021-2023 mehr als 18 Millionen Dollar an Salary Cap „verschwendet“ haben, ohne dass Tuitt auch nur ein Spiel für die Franchise bestritten hat.

Aus dem hervorragenden Draft-Jahrgang 2014, in dem die Steelers u.a. die Spieler Ryan Shazier, Stephon Tuitt und Martavis Bryant auswählten und die sich heute auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit befinden sollten, ist mit dem Rücktritt von Stephon Tuitt nunmehr keiner der genannten Spieler, aus verschiedensten Gründen, mehr aktiv. Es hätte ein goldener Jahrgang für die Franchise sein können!

Die kommenden Wochen werden zeigen wie die Franchise auf den Rücktritt von Tuitt reagiert. Der gewonnene Raum unter dem Salary Cap für die anstehende Saison könnte in die Verpflichtung eines Veterans fließen oder man entscheidet sich mit dem vorhandenen Spielermaterial die Lücke zu füllen. Durch den im Draft rekrutierten DeMarvin Leal hat man die Quantität in der D-Line erhalten und mit Tyson Alualu kommt ein langjähriger Anker der Defense zurück in den Roster. Es wird spannend zu beobachten wie sich das Front Office zusammen mit dem Coaching Staff hierzu positionieren wird.

Sportlich ist der Rücktritt von Stephon Tuitt natürlich ein herber Rückschlag für die Steelers, da mit seiner Rückkehr auch eine erhebliche Verbesserung der Run Defense erwartet wurde. Wenn er aber zu dem Entschluss gekommen ist, sich neuen Herausforderungen abseits des Sports widmen zu wollen, dann ist das schlichtweg zu akzeptieren. Ich für meinen Teil wünsche Stephon alles erdenklich Gute für die Zukunft und bedanke mich für seine herausragenden Leistungen die er für das Team erbracht hat, jedes Mal wenn er das Spielfeld betrat.

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