War dies die schlechteste Offseason der Steelers im 21. Jahrhundert?
Ich möchte hier keine Antwort auf die, um ehrlich zu sein, polemisch gestellte Frage geben. Ich möchte einfach ein paar Gedanken zusammenbringen, den Finger in die Wunde legen, vielleicht auch mal unfair bzw. zu hart sein und es euch überlassen, wie ihr für euch diese Frage beantwortet.
Die Offseason der Steelers begann, mal wieder mit einem Ausscheiden in der Wild Card Round. Kurze Zeit später passierte dann das, was sich einige gewünscht, aber nicht für möglich gehalten haben.
Steelers Head Coach Legende Mike Tomlin gab nach 19 Jahren seinen Rücktritt bekannt. Die Bombe war geplatzt und die Fanwelt fassungslos. Man muss dem Steelers Front Office zu Gute halten, dass sie zwar nichts davon wussten, aber auch nicht ganz unvorbereitet waren. Immerhin suchten neun weitere Franchises einen neuen Head Coach und man konnte sich eine Schockstarre nicht leisten.
Schnell wurden die ersten Interviewpartner bekannt und man dachte sich, “Ok, Pittsburgh scheint sich diesen Prozess vernünftig anzunehmen”, viel Erfahrung in der Head Coach Suche hatte man ja nicht. Doch als es dann zu den zweiten Interviews kam, ging es plötzlich ganz schnell. Mike McCarthy wurde aus dem Hut gezaubert und neben ihm gab es nur die zwei verpflichtenden Interviews (Brian Flores und Anthony Weaver), wie es die Rooney Rule vorschreibt.
Hier habe ich auch meinen ersten großen Kritikpunkt. Warum lässt man sich mit so einer großen und wichtigen Entscheidung nicht mehr Zeit?
Wenn McCarthy alle im Interview direkt überzeugt hat, kann es trotzdem nicht schaden, mit weiteren Personen zu sprechen, auch wenn man aus diesen Gesprächen nur erfährt, was man nicht möchte. Die Auswahl der Steelers kann gut oder schlecht sein, darum geht es mir nicht. Ich finde den Prozess an sich übereilt und nicht ausreichend durchdacht. Gerade auch, weil McCarthy nur einer von drei Offensiven Head Coach Kandidaten war. Es hätte genug offensive Kandidaten gegeben und es schien auch nicht so, als hätte McCarthy sonst einen anderen Job bekommen.
Der Prozess an sich war einfach nicht gut.
in weiterer Punkt ist das Scouting der College Spieler. Aufgrund der Suche nach einem neuen Head Coach haben sie Steelers Pro Days verpasst, wo wirklich wichtige Dinge passieren wie Interviews mit Coaches und Spielern. Khan bzw. McCarthy waren in dieser Offseason bei nur 5 Pro Days. Zum Vergleich: 2024 war man noch bei über 10. Natürlich kann das auch andere Gründe haben, aber es wirkt sehr, dass dies geschah, weil man zu viel mit dem Zusammenstellen des Trainerteams zu tun hatte. Natürlich gibt es in Pittsburgh auch noch Andy Weidl, aber auch er allein kann nicht überall sein und wurde sicherlich durch das Job Interview in Atlanta zusätzlich ausgebremst.
Der nächste Punkt ist die Zusammenstellung des Coaching Staffs. Jeder Trainer, der kam, hat eine Verbindung zu McCarthy. Es wirkt so, als hätte er komplett freie Hand bei der Wahl der Coaches. Das muss auch per se nichts Schlechtes sein, aber nur “Ja-Sager” sind auch nicht gut. Verschiedene Meinungen und ein guter Austausch sind wahrscheinlich das bessere Konzept zum Erfolg. Hier darf man schonmal die Frage stellen, wer im Front Office überhaupt Erfahrung hat in Sachen Coaches Auswahl, oder überlässt man es wirklich, wie bei Mike Tomlin zu 100% dem Head Coach und riskiert eine Personalauswahl á la Matt Canada als OC? Gerade als OC, hätte vielleicht jemand gut getan, der eine andere Philosophie hat als McCarthy, etwas was bei Tomlin immer wieder kritisiert wurde.
Kommen wir zum Draft.
Der Draft in Pittsburgh. Die ganze NFL Welt schaut nach Pittsburgh und die Stadt+Fans dürfen stolz sein, das Event so hervorragend präsentiert zu haben.
Was aber haben die Steelers gemacht?
An Pick 21 war man sich so sicher, Makai Lemon zu bekommen, dass man es quasi ausgeschlossen hat, etwas könnte noch dazwischen kommen und Schwupps, Howie Roseman (General Manager der Eagles), machte die Franchise zum Gespött. Omar Khan galt bislang als Genie in Sachen Draft, hier unterlief ihm aber ein grober Anfängerfehler. Nein, man muss ihn jetzt nicht verteufeln und die Kompetenz absprechen, dennoch ist ihm ein klarer Fehler unterlaufen und er sollte daraus lernen. Pittsburgh holte stattdessen dann einen Offensive Tackle und auch hier darf man die Frage stellen, warum braucht man auf einmal einen Tackle mit Starter-Potenzial, wenn man doch eigentlich einen Receiver wollte?
Zumindest war es wohl kein Panik-Pick und Qualität in der Offensive Line kann man eh nie genug haben.
In Runde zwei versteiften sich die Steelers dann komplett auf Wide Receiver, um den Fehler wieder gut zu machen und den Fans zu geben, was sie verlangten. Auch hier ist es aber nicht besonders clever, der ganzen NFL so eindeutig zu zeigen, welche Position man adressieren möchte und zum Glück ist man dadurch nicht nochmal auf die Nase gefallen.
An Tag drei verwunderte die Steelers dann wieder die NFL Welt, denn man zog in Runde Vier bereits einen reinen Special Teamer, wo man schonmal die Frage nach dem Positional value stellen darf.
Vielleicht auch eine Folge aus dem eher mageren Scouting Prozess.
Natürlich können wir den Draft erst in ein paar Jahren endgültig bewerten, aber das erste Gefühl ist deutlich schlechter als in den Jahren zuvor.
Kommen wir aber mal weg von Combine, Draft etc. Und gehen zur Free Agency und Verträge.
Pittsburgh hat eigentlich alle Spieler gehalten, die sie unbedingt halten wollten und konnte zusätzlich ein paar gute Neuverpflichtungen verbuchen. Etwas komisch wirkt auf den zweiten Blick nur die Verpflichtung von Rico Dowdle. An sich ein super Spieler, der unserer Offensive weiterhelfen wird und den Weggang von Kenneth Gainwell erträglicher macht, trotzdem stellt sich die Frage, was passiert mit Kaleb Johnson? Warum hat man ihn ein Jahr zuvor in Runde 3 gezogen? Im Special Team wurde er nach seinem Fehler (TD Seattle in Woche 2) nicht mehr eingesetzt und in der Offense ist er bislang kein nennenswerter Faktor und das wird dann auch wohl weiterhin so bleiben.
Außerdem haben die Steelers Outside Linebacker Nick Herbig mit einem neuen Vertrag ausgestattet. 4 Jahre 100 Millionen und davon 42 Millionen garantiert. Herbig hatte gute Momente in Pittsburgh und empfahl sich somit für mehr Workload. An sich ist der Vertrag also nichts schlimmes. Das Problem ist, dass die Steelers neben Herbig, ja auch noch Alex Highsmith und natürlich TJ Watt teuer bezahlen. Mit der Positionsgruppe der Outside Linebacker belasten sie 2026 den Cap mit ca 66. Millionen und 2027 sogar mit ca. 88 Millionen US Dollar.
88 Millionen sind einfach zu viel für eine einzige Positionsgruppe. Vor allem da man in der NFL den Trend verspürt, auf der Defensiven Seite das Geld eher auf mehrere Schultern zu verteilen als für einen Superstar. Zumindest wenn man auf die letzten Super Bowl Sieger schaut. (Seattle, Philadelphia, Kansas).
Niemand dieser Teams hatte einen TJ Watt gepaart mit Highsmith und Herbig.
So setzt Pittsburgh Geld fest, welches im Backfield oder der O-Line in naher Zukunft dringend gebraucht werden könnte.
Wo wir auch schon beim nächsten Thema sind: Joey Porter Jr.
Joey hofft auf eine Vertragsverlängerung und darf zurecht auf einen Geldregen pochen. Seine Leistungen der letzten Jahre rechtfertigen dies auf jeden Fall.
Nur lassen sich die Steelers mal wieder sehr viel Zeit. Zeit, in der zum Beispiel Trent McDuffie (Cornerback, Los Angeles Rams) den höchsten Vertrag seiner Positionsgruppe unterschrieb. Das kann und wird die Forderung von Joey Porter Jr. für einen neuen Vertrag natürlich auch wieder hochtreiben. Die Steelers müssen hier unbedingt noch in dieser Offseason tätig werden, bevor Devon Witherspoon (Seattle Seahawks) und Christian Gonzales (New England Patriots) abermals die Gehaltsgrenze großzügig verschieben werden.
Tätig geworden sind die Steelers bei ihrem Tight End Darnell Washington.
4 Jahre, 42 Millionen, das klingt erstmal gerechtfertigt, schaut man auch nur kurz in sein Highlight Tape. Er ist zum festen Bestandteil der Steelers Offensive geworden und es ist gut, dass man ihn hält… Aber auch hier gibt es ein Haar in der Suppe.
Die Steelers zahlen ihrer TE Gruppe in 2026 ca. 14 Millionen US Dollar und 2027 sogar 26.6 Millionen. Das ist ziemlich viel Geld für am Ende zwei Spieler, wovon der eine hauptsächlich blockt und der andere nur mitspielen darf, wenn man im vierten Viertel weit zurück liegt. Ich möchte hier ausdrücklich nicht Darnell oder Pat kritisieren, aber wenn Pittsburgh so viel Geld in diese Positionsgruppe reinstecken möchte, dann müssen sie auch einen Weg finden, daraus Profit zu schlagen und sie einzusetzen.
Alles in allem mal wieder eine ereignisreiche Offseason, die bis jetzt Höhen und Tiefen aufweist. Natürlich war dieses Jahr nicht alles schlecht und in den letzten Jahren nicht alles gut.
Ich habe hier auch extra die QB-Thematik nicht berücksichtigt, weil ich den Fokus auf andere Themen legen möchte und Rodgers nach der Saison bewerte.
Jeder darf sich nun die anfangs polemisch gestellte Frage selbst beantworten, für mich bedeutet diese Offseason nur irgendwie weniger Aufbruchstimmung als gedacht nach einem Head Coach Wechsel. Es überwiegt eher die Ungewissheit.
Trotz allem freue ich mich auf das Camp, welches am 28.Juli startet und ich bin heiß auf die neue Saison.




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